Eine allgegenwärtige Kultur in Regensburg

Nach der Gründung der ersten Großloge in London, im Jahre 1717, installieren sich rasch Tochterlogen, in gegenseitiger Anerkennung weitere Großlogen in Europa und weltweit.

Im Jahr 1737 entsteht in Hamburg die erste reguläre Freimaurerloge auf deutschem Boden. Der preußische KRONPRINZ FRIEDRICH, der spätere KÖNIG FRIEDRICH II., lässt sich im Jahre 1738 in den Bund aufnehmen, sein Schwager, der MARKGRAF FRIEDRICH VON BRANDENBURG-BAYREUTH, gehört seit 1741 dem Bunde an. Und kein Geringerer als der ERBPRINZ CARL ANSELM aus dem Fürstenhaus THURN UND TAXIS wird 1762 in Bayreuth aufgenommen und steht im Jahre 1765 in der Freien und Reichsstadt Regensburg der GRANDE LOGE ET MERE LOGE ST. CHARLES DE LA CONSTANCE als ihr Großmeister vor. Zwei Jahre später, 1767, formiert sich mit 14 Brüdern dieser französischen eine weitere Loge DIE WACHSENDE ZU DEN DREI SCHLÜSSELN; sie vertritt die Freimaurerei in der Stadt bald allein. Sohn FÜRST CARL ALEXANDER ist ab 1799 deren Großmeister, die Loge nimmt seinen Namen auf und nennt sich CARL ZU DEN DREI SCHLÜSSELN.

Regensburg, eine Gesandtenstadt mit dem Immerwährenden Reichstag, gilt als eine deutsche Hochburg der Freimaurerei. Die Mutter- und Großloge (bis 1810) DIE WACHSENDE / CARL ZU DEN DREI SCHLÜSSELN gründet über ein Dutzend Tochterlogen, bis in die heutige Slowakei und Rumänien.

Zu den vielen namhaften Persönlichkeiten der Freimaurerei in Regensburg zählen:

FÜRST ALEXANDER FERDINAND VON THURN UND TAXIS (1704-1773) Prinzipalkommissar beim Immerwährenden Reichstag, Generalerbpostmeister

FREIHERR GEORG FRIEDRICH VON DITTMER (1727-1811) Kurbayerischer Hofkammerrat, Handelsmann und Bankier

FÜRST CARL ANSELM VON THURN UND TAXIS (1733-1805) Prinzipalkommissar beim Immerwährenden Reichstag, Generalerbpostmeister, Großmeister

LUDWIG GEORG LEONHARD VON SCHKLER (1738-1807) Kaufmann und Mitbegründer der Loge DIE WACHSENDE ZU DEN DREI SCHLÜSSELN, Meister vom Stuhl, Großmeister

REICHSFREIHERR CARL THEODOR VON DALBERG (1744-1817) Kurfürst-Erzbischof, Erzkanzler und Primas des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation

JOHANN EMANUEL SCHIKANEDER (1751-1812) Direktor der Regensburger Deutschen Schauspielgesellschaft und Librettist der Oper Die Zauberflöte des Freimaurerbruders WOLFGANG MOZART

GRAF KASPAR MARIA VON STERNBERG (1761-1838) Staatsmann, Domherr, Naturwissenschaftler und Begründer des Böhmischen Nationalmuseums

GRAF ALEXANDER III. FERD. ANTON VON WESTERHOLT (1763-1827) THURN UND TAXISscher Geheimer Rat und Regierungspräsident, Meister vom Stuhl

FÜRST CARL ALEXANDER VON THURN UND TAXIS (1770-1827) Prinzipalkommissar beim Immerwährenden Reichstag, Großmeister

Solange Regensburg eine Freie und Reichsstadt1 ist, spielt sich das Logenleben so ab, dass ein Großteil des fürstlichen Hofes THURN UND TAXIS gemeinsam mit wenigen anderen, wie Kaufleuten und Klerikern, die lokale Freimaurerei ausmacht.

Das Freimaurertum in Regensburg erlebt unruhige Zeiten, mal ist sie aus politischen Gründen totgeschwiegen, mal steht sie in der Patronage des Fürstenhauses gestärkt da, in kriegerischen Zeiten kann sie auch der Stadt großherzig Spenden zukommen lassen. FÜRST CARL ALEXANDER wird von der Großloge Englands sogar zum Provinzial-Großmeister Bayerns ernannt. Die politischen Verhältnisse in Bayern führen 1852 dazu, dass die Loge ihre Arbeiten einstellt; ihr Geist erlischt aber nicht.

1904 kommt es anstelle einer Reaktivierung der bisherigen Loge zu einer Neugründung, bei der das Licht in eine Loge namens WALHALLA ZUM AUFGEHENDEN LICHT eingebracht wird. Nach dem Großen Krieg 1914-1918 erwirbt die Loge im Jahre 1920 ein eigenes Haus am Obermünsterplatz 10.

Im Jahre 1924 unternehmen neun Brüder der bestehenden Loge eine weitere Neugründung. Sie nennt sich DREI SCHLÜSSEL ZUR TREUDEUTSCHEN BRUDERSCHAFT.

Aufgrund der NS-Herrschaft müssen sich beide Logen zwischen 1933 und 1935 zwangsauflösen. Das Logenhaus ist 1933 zum Unterpreis an die Kath. Bischöfliche Knabenstiftung zu verkaufen. Heute sind im Gebäude keine Spuren und Hinweise mehr erhalten. Ritualgegenstände und Archiv verfallen damals der Beschlagnahmung durch die Bayer. Politische Polizei, Bibliothek und ein Portrait von CARL ALEXANDER werden – immer- hin zum Glück – im Stadtmuseum verwahrt.2

Nach dem Niedergang des nationalsozialistischen Regimes ist es KARL FRIEDRICH ESSER (1880-1961), Gründer der Mittelbayerischen Zeitung, der überlebende Brüder um sich versammelt und ab 1948 als Meister vom Stuhl der wiedergegründeten Freimaurerei in Regensburg, der Johannis Freimaurerloge DREI SCHLÜSSEL ZUM AUFGEHENDEN LICHT, vorsteht.3  Dank gebührt ebenfalls Herrn DR. WALTER BOLL (1900-1985); als Museumsdi- rektor rettet er 600 Kleinschriften, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen.

Die ersten Arbeiten der Logen fanden im Thomas-Keller, Am Römling 12, statt. Über Jahrzehnte versammeln sich die Logenbrüder in verschiedenen Häusern; erst seit Herbst 1982 hat nun die Bauhütte ihre feste Bleibe im ALTMANNschen Haus, in Nachbarschaft des Alten Rathauses. Selten präsentiert sich die Loge der Öffentlichkeit, so am Tag des Offenen Denkmals, 1997, im Zusammenhang mit der STERNBERG-Ausstellung, 1999, im Historischen Museum, oder bei der 250-Jahr-Feier des Hauses THURN UND TAXIS in Regensburg mit dem Motto Dieser glänzende deutsche Hof…, 1998. Nicht zu vergessen ist auch die Beteiligung der Loge an der Ausstellung „1803 – Wende in Europas Mitte“, ebenfalls im Historischen Museum, im Jahre 2003. Wohl begründet mögen sich in wenigen Regionen Deutschlands immer noch Freimaurerbrüder nur bedingt als Mitglieder „outen“, doch Veranstaltungen wie jetzt zum 250. Stiftungsfest (2015) der Loge sollten dazu beitragen, dieses gewisse Freimaurerische als etwas ganz Selbstverständliches begreifen zu lassen.

Diese Loge ist im Registergericht eingetragen, sie ist im Jahre 1949 Gründungsmitglied der GROßLOGE DER ALTEN UND FREIEN MAURER VON DEUTSCHLAND, unter dem Dach der VEREINIGTEN GROßLOGEN VON DEUTSCHLAND. Derzeit zählt sie 40 Mitglieder.

Und es existiert wieder eine zweite Freimaurerloge in Regensburg, seit September 2013. Sie heißt WALHALLA ZU DEN FÜNF ROSEN. Ihre Mitglieder rekrutieren sich, wie zu früheren Zeiten, auch nun wieder aus einer bestehenden, älteren Loge, aus der DREI SCHLÜSSEL ZUM AUFGEHENDEN LICHT.

1 Regensburg verlor mit der Mediatisierung (Aufhebung der Reichsunmittelbarkeit) im Jahre 1803 den Status „Freie und Reichsstadt“ und war dann bis 1810 im neugegründeten „Fürs- tentum Regensburg“ eingebettet. Bis 1806 galt der Fürst als Prinzipalkommissar beim Immerwährenden Reichstag zu Regensburg.

2 Erst die heutige Nachkriegsloge erfuhr die Rückgabe der Bibliothek, eine Restitution sowie nach der „Wende“ im Jahr 1990 die Wiederzuführung von Archivbeständen.
3 Unter diesem Namen vereinigten sich faktisch die drei Vorläufer-Logen, CARL ZU DEN DREY SCHLÜSSELN, WALHALLA ZUM AUFGEHENDEN LICHT sowie DREI SCHLÜSSEL ZUR TREUDEUTSCHEN BRUDERSCHAFT. De jure sieht sich die heutige Loge in der direkten Nach- folgeschaft der Loge CARL ZU DEN DREI SCHLÜSSELN, als Nachfolgerin freimaurerischer Ideen in Regensburg und somit auch in der Tradition der ursprünglichen Loge ST. CHARLES DE LA CONSTANCE aus dem Jahr 1765. Hierauf bezieht sich auch die Matrikelnummer 54, d. h. die erste Logengründung in Regensburg bedeutet gleichzeitig die 54. Gründung einer deutschen Loge.